Von Schnittwunden in der Notaufnahme bis hin zu Druckgeschwüren bei bettlägerigen Patient:innen – die Bandbreite der Wundversorgung ist groß und gehört in fast allen Fachbereichen zur täglichen Praxis. Was aber, wenn Wunden nicht heilen? Dann verfügt das Netzwerk der Wundmanager:innen in der Pflege über besondere Expertise. HOCH³ hat in Ambulanzen und auf Stationen nachgefragt, wann Wunden mehr brauchen als „ein Pflaster“.
Rund 120 frischverletzte Patient:innen werden täglich in der Notaufnahme der Innsbrucker Klinik versorgt. Die Wundversorgung ist eine wichtige Kernkompetenz des Ambulanzteams: Von Schürf- oder Schnittwunden, Riss-Quetsch-Wunden bis hin zu Verbrennungen und Bisswunden ist alles dabei. „Reinigen, desinfizieren, wundversorgen“, schildert Andrea Hohenegger, Leitende Diplompflegerin der Ortho-Trauma-Akutambulanz, die Vorgehensweise.
Der Faktor Zeit ist dabei entscheidend: „Frische Wunden gehören innerhalb von sechs bis acht Stunden versorgt, bevor die Wundränder schwieriger zusammenfinden.“ Für Sabine Abenthung, Leitende Diplompflegerin an der Plastisch-Chirurgischen Ambulanz, steht neben der akuten auch die langfristige Wundversorgung im Fokus: „Wir kümmern uns um frische Wunden und deren Nachbehandlung nach Verbrennungen, Amputationen, Nervenverletzungen und Operationen, aber auch um chronische Wunden wie Dekubitus, Tumore, Ulzera, Strahlenschäden und Erfrierungen. Auch Verletzungen im Gesicht fallen in unseren Aufgabenbereich.“ Mit eigener Nahttechnik und speziellem Instrumentarium wird im Gesicht auf die ästhetisch-rekonstruktiven Aspekte der Wundversorgung geachtet.
Je nach Wundart und -phase kommen auch „Netze“ in unterschiedlichen Varianten zum Einsatz. Wunddistanzgitter werden auf Wunden gelegt, bevor Baumwolltupfer und Verbandsmaterial folgen. Die sterile Abtrennung verhindert das Verkleben mit dem Verbandsmaterial. „Es gibt Netzauflagen mit besonderen Eigenschaften“, schildern die Pflegerinnen die Wirkungsweisen, „neben sterilen Distanzgittern gibt es welche mit Salbengrundlage oder desinfizierende mit Jod.“ Die Wirkstoffe dienen der Wundreinigung, bekämpfen Keime und unterstützen die Heilung.
Vernetzt ist auch das „Wundmanagement“ als Beratungs-Netzwerk in der Pflege. Ausgebildete Wundmanager:innen stehen Stationen und Ambulanzen bei besonders herausfordernden Wunden zur Seite. Seit drei Jahren gibt es an der Innsbrucker Klinik Diplomierte Pflegepersonen im Wundkonsil, die in ärztlicher Absprache bei komplexen Fällen hinzugezogen werden können.
Michaela Schauer ist Diplompflegerin und Wundmanagerin im Flexipool im Krankenhaus Natters. „In der Pflege denken wir das Wundmanagement immer mit. Ich bereite meine Patient:innen auf jeden Verbandswechsel vor“, schildert sie, „manchmal schauen Wunden anders aus als erwartet, sie riechen oder Flüssigkeit tritt aus. Spreche ich das vorab an, muss niemand erschrecken.“ Auf die Frage, wie sie persönlich auf Wunden reagiert, schmunzelt Schauer: „Für mich gibt es keinen Graus. Ganz im Gegenteil, heilende Wunden sind ein Erfolgserlebnis!“Seit sie die Weiterbildung zur Wundmanagerin absolviert hat, gibt Michaela Schauer je nach Diagnostik und ärztlicher Anordnung konkrete Vorschläge für Verbandsmaterialien und Verbandswechsel. In medizinischer Absprache werden so interprofessionelle Therapiepläne erstellt. „Wir arbeiten mit allen Fachbereichen zusammen“, betont sie, „onkologische Patient:innen oder Diabetiker:innen müssen auf Blutzucker, eiweißreiche Ernährung, Zusatzkost und Trinknahrung achten.“
Auch das Entlassungsmanagement ist mit der Wundmanagerin vernetzt und organisiert die Versorgung zu Hause. Seit 2025 teilt die Wundmanagerin ihr Wissen in einer achtköpfigen Arbeitsgruppe. Pro Fortbildung diskutiert sie ein Krankheitsbild: „Wir besprechen zum Beispiel, wie Verbandstoffe optimal eingesetzt werden.“ Auch Wundnetze stehen im Fokus: „Das Großartige an Netzgittern ist ihre Flexibilität. Man kann sie auf jede Größe zuschneiden, genau wie man es braucht.“ Ein Zukunftswunsch von Michaela Schauer ist der Aufbau eines Konsiliarsystems mit fixen Einheiten und klarer Zeiteinteilung für das Wundmanagement in Natters.
Auch im Krankenhaus Hochzirl ist Wundversorgung Thema, denn dort werden Patient:innen meist über längere Zeiträume behandelt. Viele sind bettlägerig mit Durchblutungsstörungen, Druckgeschwüren oder dem Diabetischen Fußsyndrom. Patrick Reich ist Diplompfleger im Bereich Neurologie: „Für die Wundpflege ist es ein Vorteil, dass Personen länger stationär sind“, meint der ausgebildete Wundmanager, „im Akutbereich bleibt oft wenig Zeit für die Wundtherapie, durch die längere Verweildauer können wir den Wundverlauf gezielt beobachten.“ Langes Liegen erhöht das Druckgeschwür-Risiko: „Oft reicht der Transport von Süditalien nach Tirol aus“, meint Reich.
Je nach Bedarf gibt er interprofessionell abgestimmte Empfehlungen zu Verbandstoffen und individuellen Therapieverfahren – vom medizinischen Honig über die Flächenlasertherapie bis hin zur V.A.C-Therapie mittels Unterdruck. „Jede chronische Wunde ist in einem alkalischen Bereich“, erklärt Reich, „der medizinische Honig besteht zu einhundert Prozent aus Manuka-Honig, ist steril und bringt den ph-Wert der Wunde ins Gleichgewicht.“ Vor allem bei Wunden, die durch altersbedingte Hautveränderungen entstehen, arbeitet der Wund-Experte gerne damit. Ein eigenes Wundkonsil gibt es in Hochzirl nicht, in einer Wundmanagement-Arbeitsgruppe mit mindestens einem Mitarbeitenden pro Station werden aber quartalsmäßig Schulungen abgehalten und Projekte umgesetzt. Patrick Reich brennt für das Thema: „In Hochzirl haben wir etwas Großartiges begonnen, alle ziehen am selben Strang und verfolgen ein gemeinsames Ziel!“
Akademischer Hochschullehrgang
Weiterbildung
Bewerbung bis 23. Oktober 2026
Ausbildungsbeginn 18. Jänner 2027
www.azw.ac.at
Das war der Artikel
aus dem Magazin "HOCH3" der tirol kliniken