Wer an Pflegepersonen im Krankenhaus denkt, hat oft Bilder von Verbandswechsel, Infusionen oder Körperpflege im Kopf. Wie pflegt man aber Menschen mit psychischen Erkrankungen? Nicole Jalits ist Leitende Diplompflegerin auf der Allgemeinpsychiatrischen Aufnahmestation A2 am Landeskrankenhaus Hall und hat der HOCH³ von ihrer Arbeit erzählt.
Unsere Aufgabe in der Pflege ist es, präsent zu sein und individuell zu unterstützen.
Nicole Jalits
Sauer, mittelscharf und extra scharf – Nicole Jalits hat drei Sorten Zuckerl stets griffbereit. „Der intensive sensorische Reiz dieser Schärfe im Mund ist eine Methode zur Selbstregulation“, erklärt die Diplompflegerin. „Der starke Geschmack lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper, weg von belastenden Gedanken oder Gefühlen.“ Auch bei großer Anspannung oder selbstverletzendem Verhalten kann das einfache Zuckerl bei der Impulsregulation helfen. „Zwischen ärztlichen Visiten, Psychotherapie und Bewegungsprogrammen müssen unsere Patientinnen und Patienten viel verarbeiten“, führt Jalits weiter aus. „Unsere Aufgabe in der Pflege ist es, präsent zu sein und individuell zu unterstützen.“
Die scharfen Zuckerl sind dabei nur eine von vielen Maßnahmen im Repertoire des 14-köpfigen Pflegeteams rund um Nicole Jalits. Kälte in Form von Cool Bags oder auch Aromapflege setzt auf körperliche Reize zur Selbstregulierung in psychischen Ausnahmezuständen. Regelmäßig kommt auch die NADA-Therapie zum Einsatz. Diese spezielle Form der Ohr-Akkupunktur kann bei Entzugserscheinungen helfen, das Nervensystem beruhigen und wird auch bei Stress- und Angstzuständen eingesetzt. Angststörungen, Depressionen und Suchterkrankungen mit körperlichem Entzug – das sind häufige Diagnosen, mit denen die Menschen zur stationären Behandlung auf die A2 kommen.
Die Psyche ist genauso Teil des Körpers.
Nicole Jalits
Die meisten bleiben 2-3 Wochen, manche auch länger. Sich bei psychischen Erkrankungen Hilfe zu suchen, fällt vielen Menschen immer noch schwer: „Mir kommt vor, die jüngere Generation tut sich leichter, aber ich sage immer, die Psyche ist genauso Teil des Körpers. Mit einem gebrochenen Bein geht auch jeder automatisch ins Krankenhaus.“
Sich bei psychischen Erkrankungen Hilfe zu suchen, fällt vielen Menschen immer noch schwer.
Die Tirolerin arbeitet bereits seit 2014 auf der Station, im Frühjahr 2024 hat sie die Leitung seitens der Pflege übernommen. Eine wiederkehrende Tagesstruktur und ein klarer Therapieplan bestimmen den Stationsablauf – erstellt in enger Abstimmung des Ärztlichen Teams mit Pflege, Psychologie, Ergo- und Physiotherapie. „Viele Betroffene hoffen, dass Medikamente die Lösung sind. Die eine Wunderpille gibt es aber leider nicht“, so Jalits. Medikamente können fixer Bestandteil der stationären Behandlung sein, aber „es geht vor allem in der Pflege um viel Struktur und darum, einen neuen Alltag zu finden.“ Auf der Station sind die Pflegefachkräfte dafür die zentralen Bezugspersonen. „Der Aufbau von Vertrauen ist die Grundlage für Fortschritte in der Therapie“, teilt Jalits ihre Erfahrungen. Dafür brauche es Zeit und viele Gespräche.
Patient:innen auf Station halten sich viel in den Gemeinschaftsbereichen auf. Das Malen, Handwerken oder Puzzlen sorgen nicht nur für Ablenkung und Interkation sondern unterstützen Therapeut:innen und Pfegepersonal auf der Allgemeinpsychiatrischen Aufnahmestation A2.
„Wir hören viel zu und greifen auch aktiv Themen im Gespräch auf. Es gibt bei uns keine Tabuthemen.“ Ich traue mir selbst nicht mehr. Ein Satz, den Nicole Jalits immer wieder von Patient:innen hört. Dann heißt es, im Team zu reagieren, da sein und sicherstellen, dass Menschen sich nicht selbst oder gar andere gefährden. Mit Patient:innen über die erlebten Traumata oder Suizidgedanken zu sprechen, ist fachlich wie emotional fordernd. Für Pflegekräfte auf psychiatrischen Stationen gehört der Einsatz von Deeskalationstechniken und Krisenintervention zu den zentralen Kompetenzen. Der enge persönliche Bezug erfordert umgekehrt auch eine gewisse Abgrenzung. „Für die eigene Gesundheit ist es wichtig, bei sich zu bleiben. Ich musste lernen, dass die Geschichten der Menschen auf der Station nicht meine Geschichten sind. Wir haben glückerweise ein tolles Team und können im guten Austausch viel miteinander verarbeiten.“
Der gute Austausch im interdisziplinären Team und die Gespräche mit Patient:innen stehen auf der A2 im Fokus.
Als große Herausforderung in ihrem Berufsalltag sieht es die erfahrene Pflegekraft, Patient:innen gegenüber offen zu bleiben und nicht abzustumpfen. Die Motivation dazu findet sie immer wieder in, manchmal überraschenden, Erfolgsgeschichten: „Vor Jahren hatte ich eine Patientin, bei der dachte ich mir nicht, dass sie es aus der Sucht herausschafft. Immer wieder kam sie auf unsere Station, nach der Entlassung ein Rückfall und ein paar Monate später war sie wieder da. Irgendwann kam sie nicht mehr und ich befürchtete, dass sie jetzt gestorben sei. Vor Kurzem, also Jahre später, hat mir jemand Grüße von der Patientin ausgerichtet. Sie lebt, hat einen Job und es geht ihr gut. Das hat mich wirklich sehr gefreut und mich wieder daran erinnert, dass jeder Mensch individuell ist und ich in meiner Arbeit eine offene und aufgeschlossene Haltung bewahre."
Die Ausbildung zur psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege wird an der fh gesundheit in Form eines Akademischen Lehrgangs (3 Semester) oder eines CAS-Lehrgangs (2 Semester) aufbauend auf die Ausbildung zur Allgmeinen Gesundheits- und Krankenpflege angeboten.
www.fhg-tirol.ac.at