Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen wir bei unserer Apotheke nach oder genauer: beim klinisch-pharmazeutischen Dienst. Dieser ist auf Stationen in Innsbruck, Hochzirl und Natters im Einsatz und berät Ärzt:innen und Pflegepersonal, wenn es um die individuelle Medikation bei Patient:innen mit komplexen Erkrankungen geht. HOCH³ hat Martin Munz und Angelina Sonnleitner-Heglmeier bei ihrer Arbeit begleitet.
Aus jeder Wechselwirkung entsteht ein Lerneffekt
Martin Munz
Da kommt wieder der Krankenhausapotheker.“ Wenn Martin Munz auf der Station der Kinderonkologie diesen Satz hört, dann freut er sich immer besonders. Denn wenn ihn die Eltern der kleinen Patient:innen auf der Kinderstation so begrüßen, ist es für ihn weit mehr als nur Wiedererkennung – es zeigt ihm, dass er als fester Bestandteil des Teams auf der Station erlebt wird. Als Apotheker im Krankenhaus arbeitet er normalerweise im Hintergrund, direkter Kontakt zu Erkrankten kommt nur in Einzelfällen vor.
Medikament im Joghurt: Die Apotheker:innen wissen, welche Verabreichungsform funktioniert und wo Wechselwirkungen entstehen können. Besonders bei Kindern oft eine Herausforderung.
Seine Aufgabe ist es, Ärzt:innen und Pfleger:innen zu beraten und im Fall Medikamente an die Therapie individuell anzupassen. Je nach Krankheitsbild kann das sehr umfangreich sein. So wie bei dem 2-jährigen Jungen auf der pädiatrischen Onkologie, bei dem die Standardlösung nicht griff. „Wir hatten ein alternatives Medikament in einer speziellen Dosierung, in Kapselform konnte das Kleinkind den Wirkstoff aber nicht schlucken“, erzählt Munz. „In Abstimmung mit den Eltern haben wir dann Möglichkeiten besprochen und den Kapselinhalt schließlich in Joghurt eingerührt, das hat dann sehr gut funktioniert und der neue Wirkstoff hat besser angeschlagen.“
Wir bringen einen anderen Blickwinkel ein.
Angelina Sonnleitner-Heglmeier
Der klinische-pharmazeutische Dienst ist ein wichtiges Angebot der Anstaltsapotheke für bestimmte Bereiche, in denen Patient:innen mit einer differenzierten Medikation behandelt werden. Mit ihrer Expertise bringen sich Martin Munz und seine Team-Kolleg:innen während der Visite ein, machen elektronische Konsile am Landeskrankenhaus Hall und führen Schulungen an verschiedenen Standorten der tirol kliniken durch. Während Martin Munz regelmäßig auf der Erwachsenen-Onkologie, der Kinder-Onkologie und auf der Knochenmarktransplantations-Station (KMT) in Innsbruck vor Ort ist, betreut seine Kollegin Angelina Sonnleitner-Heglmeier den Standort Hochzirl.
Der Mehrwert unserer Arbeit lässt sich mit einem Wort beschreiben: Arzneimitteltherapie-sicherheit.
Angelina Sonnleitner-Heglmeier
„Der Mehrwert unserer Arbeit lässt sich mit einem Wort beschreiben: Arzneimitteltherapiesicherheit“, sagt Angelina Sonnleitner-Heglmeier. „Wir schauen uns alle relevanten Daten der Erkrankten an – von der Medikationsliste über Laborwerte bis hin zu Arztbriefen, um die momentane Wirkung des Medikaments und etwaige Wechselwirkungen einschätzen zu können.“ Dadurch werden Nebenwirkungen vermieden, Risiken für die Behandelten reduziert und Therapien optimiert.
Einmal in der Woche fährt Angelina Sonnleitner-Heglmeier nach Hochzirl. Wenn sie, wie jeden Donnerstag, zur morgendlichen Visitebesprechung kommt, macht sie zuerst eine Medikationsanalyse bei allen Patient:innen. Heute steht ein 50-Jähriger querschnittsgelähmter Patient mit einem künstlichen Darmausgang (Stoma) auf dem Plan. Sein Gesundheitszustand ist differenziert und beeinflusst, wie Medikamente in seinem Körper wirken. Zum Beispiel kann ein niedriger Eiweißwert im Blut oder das Stoma selbst dazu führen, dass Medikamente anders aufgenommen oder verarbeitet werden. Die Apothekerin bespricht diese Besonderheit mit den behandelten Ärzt:innen, welche die Dosierung darauf hin neu einstellen.
In Hochzirl sieht man ihre Expertise als große Bereicherung: „Wir haben den klinisch-pharmazeutischen Dienst 2024 als festen Bestandteil der Qualitätssicherung im LKH Hochzirl-Natters etabliert. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Polypharmazie und die komplexen Krankheitsbilder bei unseren Patientinnen und Patienten, unterstützt uns die Klinikapotheke dabei, die Sicherheit der Therapie zu gewährleisten“, freut sich Primaria Elke Pucks-Faes, Ärztliche Direktorin des LKH Hochzirl-Natters. Und wie funktioniert die Zusammenarbeit im interdisziplinären Team?
„Wir bringen einen anderen Blickwinkel ein. Gerade junge Ärztinnen und Ärzte sagen oft, wie wichtig sie das finden. Aber auch für die erfahrenen Mediziner und Medizinerinnen ist es spannend”, erzählt Sonnleitner-Heglmeier von ihrer Erfahrung in Hochzirl. Der enge Austausch basiert auf gegenseitiger Wertschätzung und ergänzt das bereits hohe pharmazeutische Know-how des Teams.
Am Standort Natters gibt Martin Munz seit einem Jahr Schulungen. Bei monatlichen Treffen mit Ärzt:innen und Pflegepersonal werden herausfordernde Beispiele analysiert. „Wir sammeln komplexe Fälle, und wenn mir da etwas ins Auge sticht, wie etwa der Einfluss des Medikaments auf die Nierenfunktion, leiten wir daraus Schulungsthemen ab. So entsteht aus jeder Wechselwirkung ein Lerneffekt“, erklärt Munz.
Ein weiterer Meilenstein in Sachen Arzneimittelsicherheit ist MEONA – die digitale Fieberkurve, die im Sommer als Pilotprojekt in Natters eingeführt wurde. Martin Munz bringt hier seine pharmazeutische Expertise in der elektronischen Abbildung und Prüfung von Arzneimitteln ein. Besonders spannend: die Definition von sogenannten „Triggern“ – digitale Warnsignale, anhand derer Patient:innen für eine pharmazeutische Prüfung vorgeschlagen werden. „Mit Meona schaffen wir die Grundlage, um automatisiert zu erkennen, welche Person ein besonders hohes Risiko für Wechselwirkungen hat. Das ist ein großer Schritt zur Erhöhung der Patientensicherheit“, berichtet Munz.