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Aus der Hoch³ - Ausgabe "Wert", September 2025

GrenzWERTIG

Text: Johannes Schwamberger | Fotos: Gerhard Berger

Das Überwachungsgerät piepst, die Blutdruckmanschette bläst sich auf und am Zeigefinger klemmt das rote Licht. Es ist 08:00 Uhr und auf einer Normalstation werden wie jeden Morgen die Vitalparameter der Patient:innen erfasst. Routine im Stationsalltag. Dass man aber aus der Zusammenschau aller erhobenen Werte noch viel mehr ablesen kann, wird derzeit auf einer Pilotstation evaluiert.

VITALPARAMETER: EIN FRÜHWARNSYSTEM FÜR DIE DIAGNOSTIK

Es ist nicht nur ein Diagnosetool, es ist eine Argumentationshilfe

Nina Plaikner-Hofer

Vitalwerte von Patient:innen sind in Gesundheitseinrichtungen allgegenwärtig. „Wir behandeln aber keine Werte, wir behandeln Menschen“, stellt Benedikt Treml, Intensivmediziner auf der Allgemeinen und chirurgischen Intensivstation der Klinik Innsbruck, klar, „aber die Vitalparameter geben uns die diagnostische Richtung vor“, natürlich immer in Kombination mit dem klinischen Bild, also wie die Patient:innen reagieren. Es gibt allerdings Studien und Erfahrungswerte aus anderen Ländern, wonach Vitalparameter richtig interpretiert, auch eine Art Frühwarnsystem sein können, das schon viele Stunden vorher anschlägt, bevor sich der Zustand rapide verschlechtert. Das bekannteste System kommt aus England und nennt sich NEWS 2 (National Early Warning Score).



DER WERT DES WERTS

... die Vitalparameter geben uns die diagnostische Richtung vor.

Benedikt Treml

„Unsere klassischen Patientinnen und Patienten werden einmal pro Tag gescort und bei geringen pathologischen Abweichungen auch öfter“, erklärt Nina Plaikner-Hofer, leitende Diplompflegerin auf der chirurgischen Station 9 Süd an der Innsbrucker Klinik. Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Puls, Temperatur und Bewusstseinslage sind die „Standard“-Parameter, die bis auf die Bewusstseinslage automatisch vom Überwachungsmonitor aufgezeichnet werden. Ninas Mitarbeiter:innen müssen allerdings zwei zusätzliche Werte erheben, denn die 9 Süd ist Pilotstation für ein neues System. „Wir erfassen auch die Atemfrequenz und den Allgemeinzustand und geben diese manuell ein, wobei der Mehraufwand dafür überschaubar ist“, erklärt sie, „der Mehrwert spricht allerdings deutlich dafür.“

PRÄVENTION DIE WEITER GEHT...

„Für alle auf der Station ist es belastend, wenn wir den Herzalarm auslösen müssen, wenn sich ein Patient plötzlich so verschlechtert, dass er im Bett reanimiert werden muss“, erzählt Plaikner-Hofer, und genau hier setzt das neue System an. Es hilft, von allen Patient:innen auf einer Station genau den einen zu identifizieren, der sich in den nächsten Stunden wahrscheinlich rapide verschlechtern wird.

WIE EIN SICHERHEITSNETZ

Wir spannen also ein Sicherheitsnetz auf, durch das kein Patient durchrutscht.

Benedikt Treml

Das Ganze funktioniert so, dass das Überwachungsgerät für jeden Wert Punkte vergibt (von 0 für „alles OK“, bis 3 für „gar nicht OK“) und am Ende steht auf dem Display ein einziger kombinierter Wert. „Dieser Wert ist eine wertvolle Entscheidungshilfe über das weitere Vorgehen“, erklärt Treml, „denn wir wissen aus der Literatur, dass Patient:innen, die plötzlich reanimiert und/oder auf die Intensivstation verlegt werden müssen, bereits zwölf Stunden vorher verdächtige Werte aufweisen. Wir spannen also ein Sicherheitsnetz auf, durch das kein Patient durchrutscht.“ Je nach Punktewert gibt es klare Handlungsvorgaben von „Zeitnah Stationsärztin oder -arzt informieren“ bis zum Ergreifen von Notfallmaßnahmen und Auslösen des Herzalarms.

ENTSCHEIDUNGSHILFE UND ARGUMENT

Ich sehe die Kombination von Werten, den Score, und ich sehe die Patientin oder den Patienten vor mir und kann beides vergleichen.

Nina Plaikner-Hofer

„Eine erfahrene Pflegekraft hat ein sehr gutes Gespür dafür, wenn sich jemand auf der Station verschlechtert“, erklärt Plaikner-Hofer, „aber unser neues System ist nicht nur ein medizinisches Tool, es ist auch eine Argumentationshilfe.“ Die Einschätzung einer Patientin sei immer auch ein subjektives Gefühl, erzählt sie. Jetzt habe ihr Team objektive Parameter, nämlich einen Punkte-Score, der für jeden nachvollziehbar ist. Einen großen Zusatznutzen sieht sie außerdem für jüngere Kolleg:innen, die damit schneller Erfahrung sammeln können. „Ich sehe die Kombination von Werten, den Score, und ich sehe die Patientin oder den Patienten vor mir und kann beides vergleichen. Ich lerne also wie sich der Patient gibt und wie es ihm geht, auch wenn er es nicht klar kommuniziert.“

POSITIVE ERGEBNISSE

Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Tool sind durchwegs positiv, erzählt Benedikt Treml, und es konnten tatsächlich bereits Patient:innen identifiziert werden, die dann in aller Ruhe und rechtzeitig auf die Intensivstation transferiert wurden, bevor Notfallmaßnahmen ergriffen werden mussten. Aber es ist ein laufendes Projekt. Grenzwerte mussten schon vor dem Start auf unsere Bedürfnisse abgestimmt werden und werden auch weiterhin adaptiert, wenn nötig. „Interessant ist dabei, dass man nicht in jedem Land die gleichen Grenzwerte nehmen kann, obwohl es überall um kranke Menschen geht.

Wir behandeln aber keine Werte, wir behandeln Menschen.

Benedikt Treml

DER GANZHEITLICHE ÜBERLICK IST ENTSCHEIDEND

Man darf die Patientinnen und Patienten nicht isoliert betrachten, sondern muss sie in Kombination mit dem Gesundheitssystem und den Abläufen im Spital sehen“, erklärt Treml, der darüber eine Masterarbeit geschrieben hat. Wichtig sei außerdem die Art der Intensivstation und die medizinische Erfahrung. „Dass ein Patient, der gerade aus dem OP kommt, eine niedrigere Atemfrequenz hat und dass das normal ist, das muss natürlich berücksichtigt werden.“ Genauso, ob Patient:innen lungenkrank sind, was bereits als Parameter vordefiniert werden kann.

MEHRWERT FÜR PATIENT:INNEN UND BEHANDLUNGSTEAM

„Das Schöne an diesem Projekt ist, dass es Ressourcenschonung und Patient:innennutzen kombiniert“, sind sich Plaikner-Hofer und Treml einig, weshalb auch eine Ausweitung des Systems geplant sei. Zielgruppe sind Erwachsene auf Normalstationen, wobei NEWS 2 bis 2027 am gesamten Areal der Innsbrucker Klinik im Einsatz sein soll.

Das war der Artikel

GrenzWERTIG

aus dem Magazin "HOCH³" der tirol kliniken

(Ausgabe 39)